Erzählung
Josef Huber

Geburt

Nebel zog in die Novembernacht. Die Hebamme blieb die ganze Nacht über bei meiner Mutter. Draußen prasselte der Regen an die undichten Fenster. Die Mutter zuckte zusammen. Hatte sie das Gesicht eines Erdgeistes erschreckt, der draußen am Fenster vorüberhuschte? Oder war es nur ein Nebelstreif gewesen, oder ein Reisig, das der Sturmwind vom alten Apfelbaum ans Fenster gefegt hatte?

Am Morgen schrie endlich das Kind. Ich war geboren. Mein Vater hörte die Nachricht der Hebamme mit Befriedigung. Er sagte nichts, schnaufte aber erleichtert in seinen Schnurrbart hinein.

Der Tag brachte die Sonne zurück. Es wurde ein milder Tag. Meine Mutter lächelte erschöpft. Man gönnte ihr nicht lange Ruhe. Im Stall muhten die Kühe. Die Magd Lene war an Grippe erkrankt, mein Vater musste sich darum kümmern, die „Schabe“ (Reisigbündel) aus dem Wald nach Hause zu bringen, damit sie noch für den Winter trocknen konnten.

„Mamme“, rief der Vater nur, „willst du nicht doch aufstehen? Ich bin allein.“ Also stand die Mutter auf, und ich schrie deswegen.

Nach drei Tagen stand es fest: Ich würde Mathes heißen. Vielleicht wussten meine Eltern gar nicht, dass es ein stolzer Name für mich war: Mathes. Das war viel versprechend für mich.

Ich mochte das kalte Wasser nicht, das der greise Pfarrer Anton über meine Stirn goss. Man taufte mich schnell. Wenn ich plötzlich sterben würde, müsste ich so nicht lange in der Vorhölle ausharren, ehe mich der liebe Gott in den Himmel aufnähme. Das hatten meine Eltern so im Religionsunterricht gelernt.

Der Taufschmaus versammelte alle Verwandten, die zur Taufe gekommen waren. Es war ein festlicher Feiertag, aber wieder stürmte es. Das war kein gutes Zeichen, denn ich war auch im Sturm geboren worden. Ich schrie, als die anderen gerade die Fleischsuppe herumreichten. Mamme sah zu mir und nahm mich auf den Schoß, aber ich schrie weiter, denn ich hatte das geheimnisvolle Gesicht des Erdgeistes vor dem Fenster gesehen. Mamme beruhigte mich. Ich ließ das Schreien sein, damit ich die Gäste nicht ärgerte. Sie sahen stolz auf mich, denn ich war ungewöhnlich groß.

„Ein fester Bub, Margareth“, sagte die Hebamme zu meiner Mutter. Mein Vater nannte sie immer nur Mamme, und die anderen auch, die zum Taufschmaus gekommen waren.

Ich wachte jede Nacht auf und schreckte hoch, denn ich glaubte den Erdgeist wieder am Fenster zu sehen. Ich gab ihm einen Namen: Nasrun, denn er hatte eine krumme, übergroße Nase. Da er nun einen Namen hatte, wurde er mir vertrauter. Er erschien immer wieder, aber ich fürchtete mich nun nicht mehr.

Mein Vater kam manchmal an meine Wiege. Er sah mich prüfend an, als wolle er sich vergewissern, dass ich sein Sohn sei und nicht der des Erdgeistes.



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